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Magdalena Hilling

Okt 6, 2021 | Persönlich

Klassenfahrt nach Berlin

Der Jubelschrei bei den JuSos war groß: Dem 20. Deutschen Bundestag gehören 49 „Vertreter:innen“ der SPD-Jugendorganisation an. Damit stellen Vertreter der JuSos fast ¼ aller SPD-Bundestagsabgeordneten. Von Andrea Klieve.

Der Jubelschrei bei den Jusos war groß: Dem 20. Deutschen Bundestag gehören 49 Mitglieder der SPD-Jugendorganisation an. Damit stellen Vertreter:innen der Jusos fast ¼ aller SPD-Bundestagsabgeordneten. Ein Zeichen von Aufbruch und Erneuerung? Wohl eher ein großes Problem.

Denn zu ähnlich sind Vita und Lebenswirklichkeit der neuen Abgeordneten, denen vor allem eines fehlt: Berufserfahrung außerhalb des Politikbetriebs. Wenn man eine fiktive, typische Person definieren will (im Marketing-Deutsch: „eine Persona erstellen“), die pars pro toto für die Zielgruppe der in den Bundestag gewählten Jusos steht, dann hätte diese früh im Studium der Politikwissenschaften den Weg in die Juso-Hochschulgruppe gefunden und sich ebenso vor Ort in der SPD engagiert.

Recht jung besetzt sie Vorstandsämter bei Jusos und SPD, wird in den Stadtrat oder sogar Kreistag gewählt. Ihre Freizeit verbringt sie vorzugsweise mit anderen Jusos, mit Genderdebatten oder in antirassistischen Gruppen, engagiert sich für das Klima oder Developing Countries.

Neben dem Studium arbeitet sie bei der SPD-Landtagsfraktion oder unterstützt hauptamtlich Wahlkämpfe. Sofern das Studium abgeschlossen wird, bleibt die Persona gerne am Lehrstuhl der eigenen Universität, wechselt in ein SPD-geführtes Ministerium, arbeitet bei der Gewerkschaft oder macht die Welt bei der GIZ ein Stück weit besser. Oder sie ist Lehrer. Im öffentlichen Dienst und ganz nah an den Machttöpfen der SPD fühlt sich die Persona im freundlichen Biotop sehr wohl. Selbständigkeit, freies Unternehmertum, Wirtschaft, Handwerk – all das stößt sie ab.

Auslandserfahrung? Kaum. Spezialistenwissen in relevanten Zukunftsthemen? Nope. Mitarbeiter geführt, Verantwortung getragen? Ich bitte Sie. Geschäftsführer? Ja, gerne. Am liebsten bei der lokalen SPD-Fraktion. Noch im Studium oder nach ganz kurzer Berufstätigkeit bot sich der Persona nun eine Chance: Auf SPD-Ticket für den Deutschen Bundestag zu kandidieren. Hier nun darf sie ihr Biotop-Wissen – gefühlt gut vorbereitet – vom Steuerzahler alimentiert einbringen. Zumindest an letzterem hat sich für die Persona nichts verändert.

Ob die Persona zumindest erkennt, dass der Einzug in den Bundestag weder ihr Erfolg noch der Erfolg der Jusos war? Dass es ohne den „Old White Man“ Olaf Scholz für die SPD niemals gereicht hätte? Man muss es leider bezweifeln, wenn man die Jusos zur „Klassenfahrt“ in den Bundestag aufbrechen sieht. Bei aller Kritik: Es gibt auch EInhörner. Mit Verena Hubertz ist die Gründerin des
erfolgreichen Startups „Kitchen Stories“ in den Bundestag eingezogen. Eine echte Ausnahme, auf die man sich freuen darf.

Andrea Klieve ist Inhaberin der Personal- und Strategieberatung persociA mit Sitz in Essen. Person und Werdegang belegen ihre umfangreiche Expertise in der Melange von | HR | Legal | Business | Politics |: Andrea verfügt über Erfahrung aus über 25 Jahren in herausgehobenen Positionen in Politik, Wirtschaft und NGO. Vor Gründung der persociA GmbH war die Volljuristin als Personalleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung bei einem namhaften BPO-Dienstleister, als Geschäftsführerin eines Kinderhilfswerks sowie als Regionaldirektorin eines Legal Startups tätig. Zuvor arbeitete sie fünf Jahre im Deutschen Bundestag. Durch Vorträge und Publikationen besetzt Andrea Klieve Themen. Allein im Business Portal LinkedIn folgen ihr 8.000 Menschen. Als Political Animal bringt sie ihre Expertise u.a. im Bundesvorstand der Mittelstands- und Wirtschaftsunion ein, in den Kommissionen „Arbeit und Soziales“ sowie „Digitalisierung“ und als Co-Vorsitzendende der Projektkommission „Lehren aus der Corona-Krise“ ein. Andrea Klieve ist verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Essen.

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